Persische Gärten
Brigitte Buser
Paradiese des Orients
Das persische Wort für Paradies heisst "pairidaeza", bestehend aus "pairi", zu Deutsch "rundum" und "daeza", was "Mauer" bedeutet. Übersetzt man das Wort "Paradies" in die deutsche Sprache, so bedeutet dies 'Garten Eden'.
Der Ursprung der Persischen Gärten
Der Ursprung der Persischen Gärten geht auf die Ruinen von Pasargadae zurück, der Residenzstadt der Achämeniden, mit Palästen und dem Grab Kyros des Grossen. Erbaut im 6. Jh. v. Chr. liegt sie auf einer Höhe von 1900 m ü.M. in der Dasht-e Morghab-Hochebene, östlich des Zagrosgebirges im Süden Irans. Die heute noch sichtbaren Überreste des Palastgebietes waren Teil des ersten nachweisbaren Paradieses und deuten darauf hin, das der umzäunte Hauptgarten, bestehend aus dem Privatgarten des Königs und einem noch viel grösseren Park, eine rechteckige Form von ungefähr 230 x 200 Metern gehabt haben dürfte. Flankiert wurde dieser von zwei offenen Pavillons, die während der Hitze des Tages den raren Schatten spendeten. Die quadratischen Bereiche unterhalb des Hauptweges waren mit steinernen Wasserrinnen durchzogen. Dazwischen dürfte Kyros Granatäpfel-, Mandel- und Sauerkirschbäume kultiviert haben, unterpflanzt mit Zwiebelgewächsen wie Tulpen sowie Iris, Mohn und duftenden Nelken. Auch Weinreben und einheimische Rosen gab es, und als Windschutz dienten weissstämmige Pappeln. Für die Alleen wurden einheimische Zypressen und orientalische Platanen verwendet. Dieser frühe Garten gilt als Grundstein aller späteren persischen sowie den indischen Gärten des Mogul-Reiches. Nicht minder einflussreich war er auch für die europäischen Renaissancegärten sowie vieler anderer Gärten der europäischen Gartenkultur.
Kleiner privater Hof
Wichtigste Voraussetzung für alle Gärten ist das Wasser. Deshalb befinden sich viele der alten Gärten Persiens am Fusse eines Gebirgszuges. Wo dies nicht möglich war, erfolgte die Bewässerung über ein Aquädukt oder Quanate, unterirdische Wasserrohrsysteme, die jedoch hauptsächlich zum Transport von Trinkwasser dienten. Als erstes will ich auf zwei Anlagen in der wüstenhaften Provinz Kerman im Südosten des Landes hinweisen. Die Sommer sind hier heiss und trocken, die Winter kalt und ebenfalls trocken.
Bagh-e Schahzade - Der Prinzengarten
Einer der schönsten Gärten, der in altpersischer Tradition erbaut wurde, ist sicherlich der Prinzengarten, der auch unter dem Namen 'Farman Farma' bekannt ist. Gebaut hat ihn gegen Ende des 19. Jh. Nashir ad-Daula, Gouverneur von Kerman, und Farman Farma, sein Bruder, ein mächtiger Quadscharenprinz. Die 5.5 ha grosse qadjarische Gartenpalastanlage liegt 42 Kilometer südöstlich der Provinzhauptstadt Kerman (1748 m ü. M.), in der Nähe der Kleinstadt Mahan, und bildet am Fusse der Berge eine Oase in der Wüste. Die ziegelummauerte Anlage betritt man durch einen seitlichen Eingang. Dahinter liegt ein grosszügig angelegter Vorgarten mit Rosenbeeten, umgeben von schattenspendenden Bäumen. Rechterhand führt der Weg um ein rundes Wasserbecken zum quergelagerten, zweigeschossigen Torpalast, dessen Fassade reich mit geometrischen Fliesen-mustern verziert ist. Dahinter befindet sich eine in mehrere Terrassen aufgeteilte Anlage mit rechteckigen, miteinander verbundenen Wasserbecken. Der zentral gelegene Wasserlauf ist von Rosenbeeten und schattenspendenden Bäumen gesäumt. Zu beiden Seiten führt ein Weg den Hang hinauf, der zum weiss getünchten Hauptbau führt. Durch die Mauer dahinter fliesst der kleine Bergbach, der dieses Juwel der persischen Gartenkunst am Leben erhält. Im Jahre 1991 wurde die Anlage vollständig renoviert, und einige Teile des Schlosspavillons dienen heute als Restaurant.
Das Mausoleum von Schah Nematollah Wali mit seinen Hofanlagen
Unmittelbar vor den Toren der Kleinstadt Mahan befindet sich das Mausoleum von 'Schah Nematollah Wali', Sufimeister, Gelehrter und Gründer des Nematollahi-Suffiordens, der hier 100jährig im Jahre 1431 bestattet wurde. Die ältesten Gebäude entstanden noch zu Lebzeiten des Schahs. Durch fortlaufende An- und Umbauten in safawidischer sowie qadjarischer Zeit entstand ein prunkvoller Gebäudekomplex, dessen Hofanlagen mit verschieden geformten Wasserbecken ausgestatteten sind. In das Heiligtum gelangt man über zwei hintereinander angelegte Innenhöfe, verbunden mit einem zweigeschossigen Torbau. Die Becken dienten zur Reinigung und sind von zahlreichen Schatten spendenden Zypressen umgeben. Der Garten des Hofes vor dem Heiligtum ziert im Zentrum ein kleines Wasserbecken. Erreichbar ist es über ein Wegkreuz. In den vier Eckbereichen sind Blumenbeete angelegt, die mit zahlreichen Rosen, duftenden Levkojen und üppigem Grün bepflanzt sind. Isfahan, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, liegt im Zentraliran, rund 400 Kilometer südlich von Teheran, auf einer Höhe von 1500 m ü. M., in einer Flussoase am Rande des Zagrosgebirges. Ihre Glanzzeiten erlebte die Stadt unter der Dynastie der Safawiden.
Die Gartenanlage des Tschehel Sotun
Im grossen Parkgelände Khiaban-Chahar Bagh, ganz in der Nähe des Maidan-e-Schah, steht der Tschehel Sotun-Palast mit seiner prachtvollen Gartenanlage. Dieses Beispiel persischer Tradition, Innen- und Aussenräume gekonnt miteinander zu verbinden, entstand unter Schah Abbas II. Dem repräsentativen, ehemals als Empfangsgebäude genutzten Gebäude, ist ein rechteckiges, mit Rosenbeten gesäumtes Wasserbecken vorgelagert. Zusammen mit der kleinen Iwanhalle am anderen Ende des Beckens bildet es eine architektonische Einheit. Das Dach mit der reich an Intarsienarbeiten verzierten Decke der vorgelagerten Halle wird von zwanzig Säulen aus Platanenholz getragen. Nimmt man die Spiegelungen im Wasser dazu, so verdoppeln sich diese auf vierzig, daher auch der Name 'Vierzig-Säulen-Palast'. Auf der rechten Seite des Palastgebäudes ziehen sich lange Wasserkanäle durch die Gartenanlage. Die Hauptwege neben dem grossen Wasserbecken werden von kräftigen Ulmen und mit Sommerflor bepflanzten Beeten gesäumt.
Der Garten des Abbasi-Hotels
Das Abbasi-Hotel, das ursprünglich eine Karawanserei war, liegt in der Nähe der Madrase-ye Tschahar-bagh, Medrese (Hochschule) der Schahmutter.
Das zweigeschossige, mit Arkaden versehene Gebäude, weist einen geschlossenen Innenhof auf, der nach altpersischer Tradition in vier Bereiche aufgeteilt ist. In der Mitte liegt ein von Pappeln gesäumtes Wasserbecken. Alle Beete sind mit schattenspendenden Bäumen, Rosen und Sommerflor bepflanzt. Da ein Teil der Anlage als Restaurant genutzt wird, ist diese ein beliebter Aufenthaltsort, nicht nur für Hotelgäste. Besonders empfehlenswert sind die Abendstunden, denn dann hat man von hier aus einen wunderschönen Blick auf die beleuchtete, blau geflieste Kuppel der nahe gelegenen Medrese. Schiraz, die Stadt der Dichter und Künstler, ist gleichzeitig die Hauptstadt der zentralen Südprovinz Fars und liegt 700 Kilometer südlich von Tehreran im Süden des Zagrosgebirges auf einer Höhe von 1500 m. ü. M.. Sie ist bekannt für ihre Gartenkunst, die sich in zahlreichen, öffentlichen Prachtgärten, aber auch versteckten, wunderschön angelegten Innenhöfen zeigt. Südlich von Schiraz werden übrigens die Rosen für das begehrte Rosenöl angebaut.
Narendschestan-Palast mit seinen Gärten
Das aus dem 19. Jahrhundert stammende Gebäude wurde von der wohlhabenden Familie Qawam gebaut, die es gerne für festliche und geschäftliche Anlässe nutzte. Die Aussenfassade ist mit erlesenen Wandmalereien und aufwändigen Spiegelmosaiken verziert. Die dazugehörende Gartenanlage ist vielfältig unterteilt. Hier finden sich nebst Wasserläufen und Becken prachtvolle Blumenbeete, die mit Rosen sowie Sommerflor und mehrjährigen Stauden bepflanzt sind. Die beiden Hauptwege neben dem von mehreren elliptischen Becken unterbrochenen Kanal vor dem Hauptgebäude werden mit Zitrusbäumen unterpflanzten Dattelpalmen gesäumt.
Bagh-e Eram
Inmitten von Schatten spendenden Zypressen, wohlriechenden Orangenhainen, plätschernden Wasserkanälen und üppig bepflanzten Rosebeeten fühlt sich der Besucher des Bagh-e Eram, botanischer Garten der hiesigen Universität, besonders wohl. Gekrönt wird die typische Gartenanlage des 19. Jahrhunderts vom Kach-e Eram, erbaut im qadscharischen Stil, der den Pahlawi-Schahs als Gästehaus diente.Interessant für den Botaniker ist, dass sich im weitläufigen Garten nebst einer Vielzahl an traditionellen auch eingeführte Pflanzen finden. Das harmonische Zusammenspiel zwischen wissenschaftlicher Funktion und traditioneller Gartenkunst zieht täglich zahlreiche Besucher an.
Das Hafez-Mausoleum
Hafez ist eindeutig der grösste Lyriker Persiens. Seine Liebesgedichte zeugen von einer zarten Zurückhaltung und gefühlvoller Intensität. Nach seinem Tode um1390 trug ein Freund seine verloren geglaubten Gedichte zu einem 'Diwan' (Sammelwerk) zusammen, welches nach dem Koran das meist gelesene Werk Persiens ist. Das Mausoleum des Dichters, das seit Mitte des 15. Jahrhunderts als Wallfahrtsort gilt, befindet sich in einer sorgfältig gepflegten, ummauerten Gartenanlage, die unzählige, blau geflieste Wasserbecken ziert. Die eigentliche Weihstätte liegt, umgeben von Zypressen und wohlriechenden Blumenbeeten, in einem erhöhten Pavillon aus jüngerer Zeit. Die Treppenaufgänge sind in geordneten Reihen mit in Persien üblichen, zart getönten Terrakottatöpfen bestückt, die mit Geranien und Bleiwurz bepflanzt sind. Etwas abseits finden sich weitere Grabstätten bedeutender Persönlichkeiten.
Bagh-e Nouh
Ebenfalls ein Mausoleum erhielt der Dichter Saadi. Seine bedeutendsten Werke sind das 1257 verfasste 'Bostan' (Obstgarten), eine Gedichtsammlung mit ethischen Themen sowie das 1258 entstandene 'Golestan' (Rosengarten), eine belehrende, mit Versen gewürzte Prosaerzählung. Das letzte Drittel seines Lebens widmete sich Saadi dem Mystizismus der Sufis und lebte äusserst zurückgezogen und asketisch bis zu seinem Tode Ende des 13. Jahrhunderts. Zu finden ist die von Karim Khan Zand restaurierte Grabstätte in einem Vorort im Nordosten von Schiraz. 1952 liess Schah Muhammad Reza ein weiteres Gebäude im klassizistischen, westlichen Stil anfügen.
Die formale Anlage wirkt sehr gepflegt, jedoch etwas kühl. Auch sie wird von vielen, mit Blumen bepflanzten Terrakottatöpfen geziert. Sehenswert ist zudem das in einem Tiefengeschoss angelegte, achteckige Becken mit Goldfischen, welches mit Wasser aus einem 'Quanat' gespeist wird. Dies alles sind nur kleine Einblicke in den unschätzbaren Reichtum der persischen Gartenkultur, jenen kleinen Paradiesen aus Tausendundeiner Nacht, die allemal eine Reise wert sind.
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