Rosen mit Geschichte


Brigitte Buser

Schon zu Beginn meiner Rosenliebe war klar, Rosen, die ich in meinen Garten pflanze, müssen einen Namen tragen. Schliesslich will ich wissen, mit wem ich es zu Tun habe. So trug ich Jahr für Jahr Rose um Rose mit einem Namensschildchen in meinen Garten. Ich muss sagen, ich hatte dabei wirklich grosses Glück, meist war auch das in den Knospen, was schon auf dem Schildchen stand und falls einmal nicht, hatte ich mit Hilfe fachkundiger Rosenschulen, Büchern und dem Internet bald herausgefunden, um was für eine Schönheit es sich handelte. Und dann, kam der Tag, an dem eine unbekannte Schönheit den Weg in meinen Garten fand. Jedoch nicht etwa, weil ich diese als andere gekauft hatte und ich nicht herausfand, um was es sich dabei wirklich handelte. Nein, vielmehr wurde sie mir geschenkt. Und zwar von einer älteren Dame, die mich in der Woche zuvor an meinem ersten 'Tag der offenen Gartentür' besuchte. Nun stand Ihre Tochter mit einer Pflanze im Topf vor der Tür und meinte, dass dies eine ganz besondere Rose wäre und ihre Mutter beim Gespräch mit mir gespürt habe, dass für mich, nebst anderen Pflanzen, Rosen was ganz besonderes wären und ich sicherlich an dieser Freude hätte. "Wie heisst den die Schönheit?" fragte ich.

 

"Nun, dass wissen wir auch nicht", meinte die Dame: "Wir nennen sie einfach 'Vetter Mil Rose', weil sie aus dem Garten von Vetter Mil ist. Zur vorletzten Jahrhundertwende stand sie im Siegristengarten der Leonardskirche in Basel. Die damalige Dame des Hauses hat eines Tages ein Ausläufer davon abgestochen und meiner Grossmutter in Lupsingen geschenkt. Von dort aus wanderte ein Ableger zu meinem Onkel nach Ziefen. Als dieser starb, erinnert sich meine Mutter plötzlich wieder an die Rose im Garten. Also haben wir einen Ausläufer ausgegraben und in unseren Garten gepflanzt. Dies," mein Besuch zeigte mit dem Finger auf den Topf," ist nun ein Ableger davon". Mein anfänglich, nun muss ich schon wieder auf Namensuchegesicht hellte sich augenblicklich auf. Nicht etwa, weil ich jetzt nicht auf Namensuche gehen musste – für mich klar, ich musste herausfinden, um was für eine Sorte es sich handelt, jedoch viel mehr, weil die Geschichte der Rose so spannend war. Durch reinen Zufall erstand ich etwa zwei Wochen vorher antiquarisch das Büchlein 'Der alte Bauerngarten' des Riehener Botanikers Herman Christ aus dem Jahre 1916. Darin fand ich die Abbildung eines Holzschnittes mit einer Zentifolie. Ich verglich diese mit der Rose aus dem Siegristengarten und stellte fest, dass beide die gleichen, leicht hängenden, grossen und stark gefüllten Blüten zeigten. Auch die Blätter und ebenfalls die Bestachelung sahen sich sehr ähnlich. Jetzt wurde mein 'Gwunder' noch grösser und so nahm ich die Pflanze und machte mich auf den Weg in eine Rosenschule, die eine immense Menge an Historischer Sorten in ihrem Angebot führt. Nach meiner ausführlichen Schilderung über Ihre Herkunft und einer kurzen Begutachtung durch den Chef des Hauses war das Geheimnis gelüftet.

"Das muss 'La Noblesse' sein, eine Sorte, die schon im vorletzten Jahrhundert in Schweizer Gärten anzutreffen war", meinte dieser und weiter fügte er hinzu:" Zur damaligen Zeit war es etwas Besonderes, eine solche Schönheit sein eigen nennen zu dürfen, fand doch die Rosenzucht im damals eher fernen Norden oder Westen statt." Voller Freude machte ich mich auf den Nachhauseweg. Dort angekommen, pflanzte ich die Rose in meinen Garten. In Peters Beals Buch 'Klassische Rosen' las ich über die sogenannten 'rustlers', ein Verein in Texas, der alte namenlose Rosensorten zusammenträgt und versucht sie zu bestimmen. Mittlerweile ist man überall auf der Erde auf der Suche nach alten, verloren geglaubten Rosensorten und findet sie meist auch in alten Gärten, auf alten Friedhöfen und in ehemaligen Weinbergen, da dort die Rose als Mehltauindikator gepflanzt wurde, weil der Mehltaubefall an Rosen etwas früher sichtbar ist als an den Reben. Schwefel, der gegen Mehltau an Reben schon relativ lange eingesetzt wird, wirkt nämlich nur, wenn er bei allerersten Befallsanzeichen gespritzt wird. Ab und zu erzählte ich Gartenbesuchern die Geschichte 'meiner Rose' und so kam es, dass noch mehr Stecklinge oder Ableger von namenlosen Schönheiten den Weg in meinen Garten fanden. Sieben sind es mittlerweile, alles alte Sorten, jede ohne Namen. Nein, ohne Namen, das stimmt dann doch nicht ganz. Einige haben durchaus einen, jedoch haben sie diesen von jenen Personen erhalten, die sie vor mir in ihrem Garten pflegten. So gesellte sich zur 'Vetter Mil Rose' die Remontantrose 'Spitz de Lausen', eine 'Baroness von Rothrist' mit Gallicalaub und die Zentifolie 'Taubertaler Errötende', sowie drei weitere ohne Namen. Den richtigen will ich von allen nicht mehr wissen, denn ihre Geschichte ist viel interessanter.

 

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