Überraschung inklusive


Brigitte Buser

Natürlich gefallen mir Blumen in der Vase ausgesprochen gut. Doch so schön das Bouquet auf meinem Esszimmertisch auch sein mag, noch schöner sind sie halt doch dort, wo sie wachsen, nämlich im Garten oder auf der Wiese. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass bei mir zuhause eher selten Blumensträusse auf dem Tisch stehen. Lieber eile ich jeden Tag nach draussen, dies übrigens auch im Winter, um die blühenden Schätze zu geniessen. Aber stopp, natürlich keine Regel ohne Ausnahme, und zwar zwischen Anfang Januar und Ende Februar, wenn es draussen gar trist ist und mich überall von den Hochglanzseiten der Gartenmagazine frühlingshafte Arrangements anspringen. Dann gibt es kein Halten mehr, und auch ich erwische mich dabei, wie ich sehnsüchtig in Blumenläden und Floristikabteilungen von Supermärkten herumschleiche. Als Erstes werden hier meist Tulpen in allen Farben angeboten. Etwas später kommen Hyazinthen, Primeln, kleine Zwiebeliris und Narzissen in Töpfen dazu.

 

Im Februar erweitert sich das Angebot beim Schnittflor durch Anemonen und Ranunkeln in allen Farben sowie grossblütigen Narzissen, die ich in der Vase gerne mit Zweigen des Haselstrauches oder der Forsythie kombiniere. Eine andere, jedoch nicht typische Frühlingsblume, wird sie doch auch später im Jahr noch angeboten, steht auch zwischen dieser Blütenpracht. Mir jedoch gefällt sie in den ersten beiden Monaten des Jahres besonders gut in der Vase. Die leicht gekrümmten Stiele mit den bis auf kleine Schlitze noch geschlossenen Knospen, bei denen sich meist nur eine Andeutung der Blütenfarbe zeigt, wirken auf mich wie ein skurriles Wunderwerk. Andere Knospen haben sich ein bisschen mehr geöffnet und hier schaut auch schon vorwitzig ein Zipfelchen eines Blütenblattes heraus. Die dichte Behaarung, mit der die dicken Knospen wie auch die Stängel überzogen sind, wecken zusätzlich eher gemischte Gefühle in mir. Doch wäre da nicht diese kleine Andeutung. Diese kleine Offenbarung ist es dann auch, die mich immer wieder dazu bewegt, einen bunten Strauss zu kaufen. Damit der Zellsaft nicht entweicht, wurden die Stielenden abgeflammt. So hält die Schnittblume deutlich länger, die bei uns im Garten erst im April/ Mail blüht und trockene bist feuchte Standorte, jedoch keine Staunässe bevorzugt. Nach drei bis vier Tagen sollte das Vasenwasser gewechselt, die Stiele neu angeschnitten und abgeflammt werden, rät mir die Floristin. Zuhause in eine schlichte Vase gestellt, möchte ich am liebsten gleich die beiden Kelchblätter entfernen, die jede Blüte umschliessen, sosehr bin ich auf das gespannt, was sich darunter verbirgt. Mit der Gewissheit, dass die Natur bald ihren Lauf nimmt, nehme ich mich jedoch zusammen. Und dann, über Nacht geschieht das Wunder. Die haarige Ummantlung löst sich nach und nach und fällt sachte auf den Tisch. Langsam entfalten sich die wie zerknittertes Papier wirkenden Blütenblätter und zeigen einen Kranz von goldgelben Staubgefässen in ihrer Mitte. Zwar erst noch etwas knittrig, jedoch bald geglättet schweben sie wie kleine Balletttänzerinnen über den gekrümmten Blütenstielen. In Puderrosa, Cremeweiss, Gelb und einem zarten Orange leuchten die zarten Blüten des Islandmohns (Papaver nudicaule) mit den Strahlen der Sonne um die Wette und lassen mich dabei die triste Winterzeit vergessen.

 

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